Abnehmen leicht gemacht: Mit der Abnehmspritze endlich zum Wunschgewicht?

Medizinischer Hinweis 

Dieser Artikel wurde in Zusammenarbeit mit Frau Dr. Julia Dominick erstellt und dient ausschließlich der allgemeinen Information. Er ersetzt keine individuelle medizinische Beratung, Diagnostik oder Behandlung. Bitte wende dich bei gesundheitlichen Fragen oder vor Beginn einer medizinischen Therapie stets an eine qualifizierte Ärztin oder einen qualifizierten Arzt. Die im Artikel genannten Informationen spiegeln den aktuellen wissenschaftlichen Stand zum Zeitpunkt der Veröffentlichung wider.

 

Wenn es eine Spritze geben würde, die es dir endlich ermöglichen würde, dein Wunschgewicht zu erreichen, ohne etwas dafür zu tun, würdest du sie nehmen?

Ozempic®, Wegovy®, Mounjaro®

Viele Menschen würden auf diese Frage wohl ohne zu zögern mit “Ja, natürlich!” antworten. Warum auch nicht?
Seit 2018 ist auf dem europäischen Markt ein Wirkstoff zugelassen, der das, zumindest auf den ersten Blick, verspricht. Zuerst war Semaglutid, das Medikament, von dem hier die Rede ist, unter dem Namen Ozempic® als Diabetes-Medikament zugelassen, seit 2022 kann es auch zur Therapie von Übergewicht/Adipositas verschrieben werden. Seit Juli 2023 ist es auf dem deutschen Markt unter dem Handelsnamen Wegovy® verfügbar.

Ebenfalls seit Ende 2023 ist der Wirkstoff Tirzepatid, der unter dem Handelsnamen Mounjaro® verkauft wird, erhältlich.
Tirzepatid und Semaglutid funktionieren im Körper nicht exakt gleich, zur besseren Übersichtlichkeit und einfacheren Verständlichkeit behandeln wir sie in diesem Blogartikel aber so. Beide führen zu einer verzögerten Magenentleerung, reduzieren den Appetit und erhöhen das Sättigungsgefühl. Auch wird der Blutzucker gesenkt.

Im Gespräch mit einer Expertin

Um Licht ins Dunkle zu bringen und über Einsatzbereiche, Risiken und Chancen aufzuklären, haben wir mit Frau Dr. Julia Dominick gesprochen, die seit 2011 als Fachärztin für Innere Medizin arbeitet, seit 2012 auf den Schwerpunkt Endokrinologie spezialisiert ist und täglich Patient:innen im Umgang mit Semaglutid betreut.

Im Gespräch mit uns verdeutlicht die Ärztin, wie wichtig es ist, zuerst einmal darauf aufmerksam zu machen, was überhaupt die Indikationen, die Anwendungsgebiete, für den Einsatz von Semaglutid sind:

“Ganz wichtig ist, dass Ozempic® eigentlich nur als Medikament zur Behandlung des unzureichend kontrollierten  Diabetes mellitus Typ 2 zugelassen ist. Für die Behandlung von Adipositas, also krankhaftem Übergewicht, ist Wegovy® zugelassen. Da dieses allerdings vom Gemeinsamen Bundesausschuss als sogenanntes Lifestyle-Medikament eingestuft wurde, können die Kosten nicht zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen verordnet werden. Das heißt, Patient:innen müssen die Kosten für das Medikament und z.T. auch die Behandlung selber tragen. Eine Zulassung besteht für Patient:innen mit einem BMI ≥30kg/cm² und Patient:innen mit einem BMI ≥27kg/cm² bei denen mindestens eine gewichtsbedingte Begleiterkrankung, wie z.B. Prädiabetes (Vorstufe des Diabetes mellitus Typ 2) oder Diabetes mellitus Typ 2, Bluthochdruck, erhöhte Cholesterinwerte, obstruktive Schlafapnoe oder Herz-Kreislauf-Erkrankung vorliegen.”

Die große Chance

Als Experten für Training und Ernährung wissen wir, dass Übergewicht und besonders Adipositas kein eindimensionales Problem sind. Wie viele andere Erkrankungen sind auch diese multifaktoriell bedingt, das bedeutet, es lässt sich meist kein einzelner ursächlicher Faktor herausstellen. Neben bestimmten Erkrankungen und Lifestylefaktoren spielen auch genetische Voraussetzungen in Bezug auf Sättigung und Appetit eine Rolle, genauso wie das familiäre und soziale Umfeld, Erziehung, Bildung und finanzieller Status. Auch Herkunft, psychische Faktoren und Bewältigungsmechanismen dürfen nicht außer Acht gelassen werden.

Großartig also, dass es ein Medikament gibt, das dabei helfen kann, den sogenannten “Food Noise” in den Griff zu bekommen, das ständige Kreisen der Gedanken um Essen. Viele Personen, die eine Behandlung mit Semaglutid beginnen, berichten davon, dass zum ersten Mal in ihrem Leben der Gedanke an Essen keine übergeordnete Rolle mehr spielt. Diese Befreiung ist für die meisten Menschen, die noch nie Probleme mit ihrem Körpergewicht hatten, kaum vorstellbar.

Ein gesellschaftliches Problem

Ein Faktor, der immer wieder zu Vorurteilen führt. Beschreibungen wie “der faule Weg” führen deshalb des Öfteren dazu, dass Personen, die tatsächlich von der Abnehmspritze profitieren könnten, sich gegen eine solche Behandlung entscheiden. Zu groß ist der soziale und gesellschaftliche Druck, die Sorge, als “faul und undiszipliniert” zu gelten. Hinzu kommen die nicht zu vernachlässigenden Kosten der Behandlung (Jahrestherapiekosten von Wegovy® abhängig von der Dosierung bis zu 3500 Euro).

Für Betroffene und deren Umfeld, aber auch für die Gesellschaft als Ganzes ist es also wichtig, anzuerkennen, dass Adipositas eine Erkrankung und keine persönliche Schwäche oder Schuld ist. Das bedeutet hingegen nicht, dass allgemeingültige Prinzipien wie die Energiebalance hier nicht wirksam wären. Semaglutid und Tirzepatid setzen nämlich genau hier an. Durch die verminderten Hunger- und Appetitsignale kann es Betroffenen endlich gelingen, ein Kaloriendefizit über einen längeren Zeitraum einzuhalten, ohne dass Hunger, Appetit oder Food-Noise dazwischen kommen. Das wirkt sich auch positiv auf die Motivation aus. Für viele führt das nach zahlreichen fehlgeschlagenen Diät-Versuchen endlich zu einem signifikanten Gewichtsverlust.

Die Schwierigkeit

Problematisch allerdings wird es, wenn Semaglutid oder Tirzepatid als alleinstehende Intervention angesehen und genutzt werden, auch da sind Frau Dr. Dominick und wir uns einig: “Wegovy® und Mounjaro® sind eine großartige Option, wenn sie als Teil einer ganzheitlichen Konzeptes genutzt und verstanden werden. Ansonsten kommt es wie bei anderen Crash-Diäten nach Beendigung der Therapie meist zu einem erneuten Gewichtsanstieg, dem bekannten Jojo-Effekt. In Studien wurde immer wieder gezeigt, dass es unter der Therapie zu einem signifikanten Verlust von Muskelmasse kommt. Dies hat verschiedene Ursachen. Zum einen werden bei einem großen Kaloriendefizit nicht nur Fettreserven, sondern auch Muskelgewebe abgebaut. Auch kommt es durch die deutlich verminderte Kalorienaufnahme häufig auch zu einer Reduktion der Eiweißzufuhr mit der Nahrung. Daher sollten eine entsprechende Anpassung der Ernährung und Krafttraining begleitend zu der medikamentösen Therapie erfolgen.”

Was sollte ich beachten?

Auch auf uns kommen immer wieder Menschen zu, die Semaglutid ohne weitere Ernährungsanpassungen nutzen. Wie immer ist Sport dann aber nur die eine Seite der Medaille. Solange nicht genügend Eiweiß aufgenommen und unter Umständen auch extrem wenig Kalorien konsumiert werden, kann Muskelmasseverlust auch durch das Training nicht verhindert werden. In diesem Aspekt kann einem die Medikation oft im Weg stehen. Bei extrem niedrigem Appetit und schneller Sättigung, oft schon nach ganz kleinen Mahlzeiten, schaffen Anwender:innen häufig nicht einmal die minimal erforderliche Eiweiß-Dosis von 0,8-1 Gramm pro Kilogramm Körpergewicht, ganz zu schweigen von den von uns empfohlenen 1,6 bis 2 Gramm pro Kilogramm, zu sich zu nehmen.

Auch eine psychotherapeutische oder verhaltenstherapeutische Begleitung sollte bei Bedarf in Betracht gezogen werden. Körperliche und medizinische Voraussetzungen, Risikofaktoren und Kontraindikationen müssen zuerst geklärt und Nebenwirkungen im Blick behalten werden. Zu den am häufigsten auftretenden Nebenwirkungen gehören Übelkeit, Durchfall und Erbrechen. Ebenfalls auftreten können Verstopfungen, Kopfschmerzen, Schwindel oder Haarausfall. Seltene Nebenwirkungen sind Pankreatitis oder Gallensteine. “Sollten diese auftreten”, betont Frau Dr. Dominick, “muss in enger Zusammenarbeit mit der Ärztin oder dem Arzt eine Lösung dafür gefunden werden, bei schwerwiegenden Nebenwirkungen die Therapie unterbrochen oder sogar beendet werden.”

Was sagen wir?

Unser Fazit nach circa 2 Jahren fällt in jedem Fall gemischt aus. Von einer Wunderpille, beziehungsweise einer Wunderspritze möchten wir nicht sprechen. Wie bei jedem Medikament sollte sich jeder in enger Zusammenarbeit mit dem behandelnden Arzt oder der behandelnden Ärztin gründliche Gedanken über das Für und Wider sowie über mögliche Risiken machen. Besonders viel Beachtung sollten unserer Meinung nach die begleitenden Interventionen bekommen. Wie kann ich meine Ernährung und meinen Lebensstil möglichst sinnvoll und unterstützend verändern? Wie gestalte ich das Training zum Erhalt meiner Muskelmasse? Und wie sieht mein langfristiges Konzept aus?
Sind dann von ärztlicher Seite die wichtigsten gesundheitlichen Fragen geklärt, unterstützen wir dich gerne bei deiner Ernährung und dem Training. Solltest du Fragen zu diesem Thema haben, dann melde dich gerne bei uns. Wenn wir dein Interesse geweckt haben, dann melde dich noch heute zu einem unverbindlichen Beratungsgespräch an.